Hammergut NeidbergSeit 1470 im Bielatal · Sächsische Schweiz

Vom spätmittelalterlichen Eisenhammer zum Ferienort

Die Chronik des Hammergutes Neidberg

Das Hammergut Neidberg zählt zu den ältesten und am längsten dokumentierten Eisenhammerwerken im Raum Pirna und Berggießhübel. Zusammen mit den Nachbarwerken Oberhütte, Brausenstein und Reichstein bildete es ein seit dem Spätmittelalter gewachsenes Eisenhüttenrevier im Bielatal – seine Existenz verdankte es dem Eisensteinbergbau am Gießhübel. Über 550 Jahre lang wurde hier geschmiedet, gemahlen und gesägt; heute wird hier Urlaub gemacht.

Was in einem Namen steckt

Vom „Smedeberg“ zum Neidberg

Der ursprüngliche Name „Smedeberg“ (Schmiedeberg) verweist unmittelbar auf die hammerschmiedische Nutzung des Ortes. Daneben setzte sich früh die Bezeichnung „Neytbergk“ durch – über die Schreibformen „Nytberg“ (1487), „Hamer Neydtbergk“ (1548) und „Neudtberg“ (1583) bis zum heutigen „Neidberg“, das seit 1791 amtlich belegt ist.

1470 bis heute

Die Ereignisse im Zeitstrahl

vor 1470

Älteste Hammermeister

Als früheste, urkundlich noch nicht mit Jahreszahl belegte Hammermeister des Werks gelten Memol (auch Mennel) sowie Nickel und Hans Fischer – die Betriebsgeschichte reicht damit weiter zurück als jede Urkunde.

1470

Ersterwähnung

Erste urkundliche Erwähnung als „das smedeberg genandt der Neytbergk“: Hans Fischer verkauft das väterliche Schmiedewerk an seinen Bruder Hensil – bereits der vierte nachweisbare Besitzer. Grundherren sind die Herren von Bünau.

1492

Übergang an den Landesherrn

Die Herren von Bünau treten ihren Anteil am Bergwerk Gießhübel „und die vier hemmer“ an den Landesherrn ab – das Bielataler Hammerrevier, zu dem Neidberg gehört, kommt unter landesherrliche Lehnshoheit.

1537

Pferde für den Heerwagen

Hammermeister Valten Hipisch hält 14 Pferde; je zwei müssen die Hammermeister von Neidberg und Reichstein zum landesherrlichen Heerwagen stellen – Beleg der militärischen Dienstpflicht der Hammerwerke.

1548

Leben auf dem Hammer

Acht Personen – Hüttenarbeiter, Fuhrknechte und Köhler – wohnen auf dem „Hamer Neydtbergk“. Ihre Berufe leben heute in den Namen der Ferienwohnungen fort.

1549

Streit um die Mahlmühle

Die Müller der Umgebung beschweren sich beim Pirnaer Landvogt über die Mahlmühlen der Hammergüter. Hammerherr Valten Hippisch verteidigt selbstbewusst seine für zwei Mahlgänge angelegte Mühle.

1565

Schneidemühle und Hochofen

Auf dem Hammergut werden eine Schneidemühle und ein Hochofen errichtet – dokumentiert im Sächsischen Staatsarchiv.

1610

Mahl- und Brettmühle

Der Lehnbrief für Andreas Wolff nennt neben der Mahlmühle ausdrücklich auch eine Brettmühle (Sägemühle) – das Gut ist längst mehr als nur ein Eisenhammer.

1660

Zerstört im Krieg

Nach dem Dreißigjährigen Krieg wird das Gut als „caduc und eingegangen“ beschrieben: Der Kriegsgezeug ist verloren, das Vorwerk Rabenstein „in Feuer uffgegangen“.

1661

Wiederaufbau

Christoph Bürckner, kurfürstlicher Kammerdiener aus Dresden, erbaut das Hammergutswohnhaus mit kunstvoller Steinmetzarbeit an Tür- und Fenstergewänden und lässt Hammer und Mühlen wieder aufbauen.

1728

Vom Stollen zum Heilbad

Nach Ende des Eisensteinabbaus im Johann-Georgen-Stolln wird das Stollenwasser dem neu gegründeten Johann-Georgen-Bad als Mineralwasser verliehen – früheste dokumentierte Folgenutzung einer Bergbaustätte der Region.

1792

Der Waffenhammer

Gottfried Schuster verkauft die Hammerwerkstätte an Hammermeister Andreas Luger aus Lohmen, der hier einen Zeug-, Eisen- und Waffenhammer errichtet – ausdrücklich ohne Hochofen, als reiner Schmiedehammer.

um 1820

Die ersten Touristen

Das Gut zieht „Schweizreisende“ an: Der Wasserfall am Mühlgraben und der „Prinzessinnengarten“ mit Felsengrotte werden in Reiseführern gepriesen. Bei „Madame Grahl“ gibt es im Gartenhaus ein Glas Milch und ein Butterschnittchen.

1819

Königliches Hammerwerk

Das Staatslexikon beschreibt Neidberg als königliches Hammerwerk mit 1 Hammer, 1 Schmiede, 1 Mühle – mit dem Recht „zu schenken, schlachten, backen“. 20 Einwohner, 4 Pferde, 30 Rinder.

1832

Konzession für einen Gasthof

Hammergutsbesitzerin Johanna Christiane Luger beantragt die Anlegung eines Gasthofes – der früheste Beleg für die Fremdenverkehrsnutzung des Anwesens, an die das Haus heute wieder anknüpft.

1835

Blüte der Mühlen

Auf dem Gelände arbeiten eine Mahlmühle mit holländischem Graupengang, zwei Sägemühlen, eine Lohstampfe, eine kleine Ziegelei und eine Schmiede.

Ende 19. Jh.

Turbinen statt Wasserräder

Familie Otto erwirbt die Neidberg-Mühlen und baut die Sägemühlen zu einem modernen Sägewerk mit Turbinenantrieb um – der Schritt in die industrielle Holzverarbeitung.

17.04.1945

Bombardierung

Amerikanische Flugzeuge bombardieren – vermutlich irrtümlich statt des Rüstungsbetriebs Rapido in Rosenthal – die Anlagen des Sägewerks.

1988/1989

Einsturz des ältesten Hammermeisterhauses

Das älteste Hammermeisterhaus von 1660 stürzt ein und wird abgerissen.

Juli 1991

Ende nach fünf Jahrhunderten

Die Produktion wird eingestellt – nach über 500 Jahren endet die gewerbliche Nutzung des Standortes. In den Folgejahren werden Mahlmühle, Schmiede und altes Hammerherrenhaus abgebrochen; erhalten bleibt das Wohnstallgebäude.

2016

Familie Jäger übernimmt

Tom und Katrin Jäger erwerben das verbliebene Wohnstallgebäude des Hammergutes von der Gemeinde Rosenthal-Bielatal.

2017/18

Denkmalgerechte Sanierung

Restaurierung des Hammergutes Neidberg, gefördert durch das Entwicklungsprogramm für den ländlichen Raum des Freistaates Sachsen.

seit 2018

Neues Leben als Ferienort

Ferienwohnungen, Festsaal und Weinkeller knüpfen an die Gastlichkeit von 1832 und die Reisenden des „Prinzessinnengartens“ an – die jüngste Etappe einer über 550-jährigen Geschichte.

Volksmund

Die Sage vom Hammergut

„In früherer Zeit sollen nach dem Hammergute Neidberg im Bielatale niemals Goldammern gekommen sein, jetzt aber trifft man dort auch welche an. Umgekehrt sollen dort früher zahllose Ottern sich gelagert haben, welche ein Hammerschmied, der sich mit dem Besitzer von Neidberg veruneinigt hatte, dahin verbannt haben soll. Ein Beschwörer hat der Sage nach diese Tiere wieder vertrieben.“

Die Sage verknüpft den Konflikt zwischen einem Hammerschmied und dem Gutsbesitzer mit Verwünschung und Erlösung – ein typisches Motiv des sächsischen Sagenschatzes, das die soziale Spannung zwischen Hammerherrn und Schmiedepersonal widerspiegelt.

Quellen dieser Chronik

Gunter H. Schmidt: „Vom Pirnischen Eisen“ (Stadtmuseum Pirna, 1984) · Sächsisches Staatsarchiv · Historisches Ortsverzeichnis von Sachsen (HOV) · Vollständiges Staats-, Post- und Zeitungslexikon von Sachsen (1819) · Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz sowie weitere heimatkundliche Literatur.

Heute übernachten Sie mitten in dieser Geschichte:

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