Vom spätmittelalterlichen Eisenhammer zum Ferienort
Die Chronik des Hammergutes Neidberg
Das Hammergut Neidberg zählt zu den ältesten und am längsten dokumentierten Eisenhammerwerken im Raum Pirna und Berggießhübel. Zusammen mit den Nachbarwerken Oberhütte, Brausenstein und Reichstein bildete es ein seit dem Spätmittelalter gewachsenes Eisenhüttenrevier im Bielatal – seine Existenz verdankte es dem Eisensteinbergbau am Gießhübel. Über 550 Jahre lang wurde hier geschmiedet, gemahlen und gesägt; heute wird hier Urlaub gemacht.
Was in einem Namen steckt
Vom „Smedeberg“ zum Neidberg
Der ursprüngliche Name „Smedeberg“ (Schmiedeberg) verweist unmittelbar auf die hammerschmiedische Nutzung des Ortes. Daneben setzte sich früh die Bezeichnung „Neytbergk“ durch – über die Schreibformen „Nytberg“ (1487), „Hamer Neydtbergk“ (1548) und „Neudtberg“ (1583) bis zum heutigen „Neidberg“, das seit 1791 amtlich belegt ist.
1470 bis heute
Die Ereignisse im Zeitstrahl
Älteste Hammermeister
Als früheste, urkundlich noch nicht mit Jahreszahl belegte Hammermeister des Werks gelten Memol (auch Mennel) sowie Nickel und Hans Fischer – die Betriebsgeschichte reicht damit weiter zurück als jede Urkunde.
Ersterwähnung
Erste urkundliche Erwähnung als „das smedeberg genandt der Neytbergk“: Hans Fischer verkauft das väterliche Schmiedewerk an seinen Bruder Hensil – bereits der vierte nachweisbare Besitzer. Grundherren sind die Herren von Bünau.
Übergang an den Landesherrn
Die Herren von Bünau treten ihren Anteil am Bergwerk Gießhübel „und die vier hemmer“ an den Landesherrn ab – das Bielataler Hammerrevier, zu dem Neidberg gehört, kommt unter landesherrliche Lehnshoheit.
Pferde für den Heerwagen
Hammermeister Valten Hipisch hält 14 Pferde; je zwei müssen die Hammermeister von Neidberg und Reichstein zum landesherrlichen Heerwagen stellen – Beleg der militärischen Dienstpflicht der Hammerwerke.
Leben auf dem Hammer
Acht Personen – Hüttenarbeiter, Fuhrknechte und Köhler – wohnen auf dem „Hamer Neydtbergk“. Ihre Berufe leben heute in den Namen der Ferienwohnungen fort.
Streit um die Mahlmühle
Die Müller der Umgebung beschweren sich beim Pirnaer Landvogt über die Mahlmühlen der Hammergüter. Hammerherr Valten Hippisch verteidigt selbstbewusst seine für zwei Mahlgänge angelegte Mühle.
Schneidemühle und Hochofen
Auf dem Hammergut werden eine Schneidemühle und ein Hochofen errichtet – dokumentiert im Sächsischen Staatsarchiv.
Mahl- und Brettmühle
Der Lehnbrief für Andreas Wolff nennt neben der Mahlmühle ausdrücklich auch eine Brettmühle (Sägemühle) – das Gut ist längst mehr als nur ein Eisenhammer.
Zerstört im Krieg
Nach dem Dreißigjährigen Krieg wird das Gut als „caduc und eingegangen“ beschrieben: Der Kriegsgezeug ist verloren, das Vorwerk Rabenstein „in Feuer uffgegangen“.
Wiederaufbau
Christoph Bürckner, kurfürstlicher Kammerdiener aus Dresden, erbaut das Hammergutswohnhaus mit kunstvoller Steinmetzarbeit an Tür- und Fenstergewänden und lässt Hammer und Mühlen wieder aufbauen.
Vom Stollen zum Heilbad
Nach Ende des Eisensteinabbaus im Johann-Georgen-Stolln wird das Stollenwasser dem neu gegründeten Johann-Georgen-Bad als Mineralwasser verliehen – früheste dokumentierte Folgenutzung einer Bergbaustätte der Region.
Der Waffenhammer
Gottfried Schuster verkauft die Hammerwerkstätte an Hammermeister Andreas Luger aus Lohmen, der hier einen Zeug-, Eisen- und Waffenhammer errichtet – ausdrücklich ohne Hochofen, als reiner Schmiedehammer.
Die ersten Touristen
Das Gut zieht „Schweizreisende“ an: Der Wasserfall am Mühlgraben und der „Prinzessinnengarten“ mit Felsengrotte werden in Reiseführern gepriesen. Bei „Madame Grahl“ gibt es im Gartenhaus ein Glas Milch und ein Butterschnittchen.
Königliches Hammerwerk
Das Staatslexikon beschreibt Neidberg als königliches Hammerwerk mit 1 Hammer, 1 Schmiede, 1 Mühle – mit dem Recht „zu schenken, schlachten, backen“. 20 Einwohner, 4 Pferde, 30 Rinder.
Konzession für einen Gasthof
Hammergutsbesitzerin Johanna Christiane Luger beantragt die Anlegung eines Gasthofes – der früheste Beleg für die Fremdenverkehrsnutzung des Anwesens, an die das Haus heute wieder anknüpft.
Blüte der Mühlen
Auf dem Gelände arbeiten eine Mahlmühle mit holländischem Graupengang, zwei Sägemühlen, eine Lohstampfe, eine kleine Ziegelei und eine Schmiede.
Turbinen statt Wasserräder
Familie Otto erwirbt die Neidberg-Mühlen und baut die Sägemühlen zu einem modernen Sägewerk mit Turbinenantrieb um – der Schritt in die industrielle Holzverarbeitung.
Bombardierung
Amerikanische Flugzeuge bombardieren – vermutlich irrtümlich statt des Rüstungsbetriebs Rapido in Rosenthal – die Anlagen des Sägewerks.
Einsturz des ältesten Hammermeisterhauses
Das älteste Hammermeisterhaus von 1660 stürzt ein und wird abgerissen.
Ende nach fünf Jahrhunderten
Die Produktion wird eingestellt – nach über 500 Jahren endet die gewerbliche Nutzung des Standortes. In den Folgejahren werden Mahlmühle, Schmiede und altes Hammerherrenhaus abgebrochen; erhalten bleibt das Wohnstallgebäude.
Familie Jäger übernimmt
Tom und Katrin Jäger erwerben das verbliebene Wohnstallgebäude des Hammergutes von der Gemeinde Rosenthal-Bielatal.
Denkmalgerechte Sanierung
Restaurierung des Hammergutes Neidberg, gefördert durch das Entwicklungsprogramm für den ländlichen Raum des Freistaates Sachsen.
Neues Leben als Ferienort
Ferienwohnungen, Festsaal und Weinkeller knüpfen an die Gastlichkeit von 1832 und die Reisenden des „Prinzessinnengartens“ an – die jüngste Etappe einer über 550-jährigen Geschichte.
Aus dem Archiv
Historische Ansichten
Volksmund
Die Sage vom Hammergut
„In früherer Zeit sollen nach dem Hammergute Neidberg im Bielatale niemals Goldammern gekommen sein, jetzt aber trifft man dort auch welche an. Umgekehrt sollen dort früher zahllose Ottern sich gelagert haben, welche ein Hammerschmied, der sich mit dem Besitzer von Neidberg veruneinigt hatte, dahin verbannt haben soll. Ein Beschwörer hat der Sage nach diese Tiere wieder vertrieben.“
Die Sage verknüpft den Konflikt zwischen einem Hammerschmied und dem Gutsbesitzer mit Verwünschung und Erlösung – ein typisches Motiv des sächsischen Sagenschatzes, das die soziale Spannung zwischen Hammerherrn und Schmiedepersonal widerspiegelt.
Quellen dieser Chronik
Gunter H. Schmidt: „Vom Pirnischen Eisen“ (Stadtmuseum Pirna, 1984) · Sächsisches Staatsarchiv · Historisches Ortsverzeichnis von Sachsen (HOV) · Vollständiges Staats-, Post- und Zeitungslexikon von Sachsen (1819) · Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz sowie weitere heimatkundliche Literatur.
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